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Nachhaltiger Ladenbau 2026: Wer wiederverwendet – und warum es nicht skaliert

Institutionalisierungsdefizit statt fehlendem Willen: Wiederverwendung im Ladenbau ist keine Frage der Haltung mehr, sondern eine Frage der Governance.

 

Wiederverwendung im gewerblichen Innenausbau findet längst statt
– aber personengebunden, kostenmotiviert und undokumentiert.

Genau deshalb bleibt sie ein Einzelprojekt-Phänomen.

Für Filialisten mit 20 oder mehr Standorten heißt das: Jeder Rollout beginnt technisch bei null,
obwohl im eigenen Bestand längst Material, Bauteile und Erfahrungswissen vorhanden wären.
Das ist kein Erkenntnisproblem. Es ist ein Steuerungsproblem.

 

Der Status quo: Wiederverwendung ist die Regel, nicht die Ausnahme

 

In Gesprächen mit elf Entscheider:innen aus Expansion, Bau und Nachhaltigkeit – von CFO-Perspektiven bis zur ESG-Verantwortung im Handel – zeigt sich ein konsistentes Bild:

Regale, Kassentische, Beleuchtung und Möbel werden regelmäßig weiterverwendet.
Der Treiber ist fast nie Nachhaltigkeit. Er ist Kostendruck im laufenden Rollout.

Das deckt sich mit einem branchenweiten Befund: Laut einer PwC-Studie zur Bauindustrie haben 76 Prozent der Bauunternehmen bislang keine Vergütungsanreize implementiert, um Nachhaltigkeitsziele operativ zu verankern (PwC, 2025).
Das Muster ist branchenübergreifend: Wiederverwendung passiert – aber neben dem System, nicht durch das System.

 

Warum es nicht skaliert: der Governance-Split


Der zentrale Befund aus der Interviewreihe:
Kostenträger und Gestaltungsmacht liegen in den meisten Filialorganisationen nicht in derselben Hand.
In vier der elf geführten Gespräche ließ sich dieser Split explizit belegen – das Budget für den Ladenbau sitzt bei Expansion oder Real Estate, die Entscheidung über Materialwahl und Rückbaukonzept liegt jedoch bei Bau, Store-Design oder externen Planern.

Das Ergebnis:
Wiederverwendung wird lokal entschieden – von einzelnen Projektleiter:innen, die Materiallager kennen oder Lieferantenkontakte pflegen.
Sobald diese Personen wechseln, verschwindet das Wissen mit ihnen.
Es gibt keine strukturelle Instanz, die Wiederverwendung standortübergreifend verbindlich macht.

 

Das ist das Institutionalisierungsdefizit: Es fehlt nicht an Fällen. Es fehlt an Prozess.

 

Die Aggregationslücke:
warum aus Einzelprojekten kein Portfoliowissen wird

 

Selbst wo Wiederverwendung dokumentiert wird, bleibt sie auf Objektebene stehen.
Bestehende Bewertungsmodelle für zirkuläres Bauen – etwa der Residual-Value-Ansatz von Ellen MacArthur Foundation und Arup – rechnen konsequent auf Einzelgebäudeebene.

Für ein Portfolio mit Dutzenden oder Hunderten Standorten fehlt der Aggregationsschritt:
Es gibt kein Format, das Wiederverwendungsdaten aus Projekt A für die Planung von Projekt B nutzbar macht.

Ein paralleler Befund aus dem Hochbau bestätigt das Muster außerhalb des Einzelhandels:
Der 2025 veröffentlichte Leitfaden zur Wiederverwendung tragender Bauteile von KIT und Land Baden-Württemberg zeigt, dass der nötige Prüfaufwand für wiederverwendete Bauteile fast vollständig von der Dokumentationsqualität des Spendergebäudes abhängt (nbau.org, 2025). Ohne durchgängige Datenhaltung bleibt jede Wiederverwendung eine Einzelfallprüfung – im Hochbau wie im Ladenbau.

Hinzu kommt eine technische Dimension, die in der Diskussion oft übergangen wird:
Wiederverwendung setzt Sortenreinheit voraus – klar trennbare, nicht verklebte oder verbundene Materialien – und Kreislaufkompatibilität, also eine Konstruktion, die Demontage von Anfang an mitdenkt.
Beides wird in bestehenden Ladenbaukonzepten selten systematisch geplant, weil die Entscheidung dafür in der Design-Phase fällt – dort, wo die spätere Wiederverwendung noch niemanden interessiert.

 

Der blinde Fleck in der Bilanz: Restwertrisiko bei Mietereinbauten

Mietereinbauten werden in der Handelsbilanz nach den Grundsätzen für Gebäude abgeschrieben – unabhängig davon, wann der tatsächliche Ladenumbau stattfindet.
Das schafft eine strukturelle Lücke zwischen dem bilanziellen Abschreibungsende und dem tatsächlichen Zeitpunkt der Ladenrenovierung:
Ein Ladenbau kann bilanziell längst abgeschrieben sein, obwohl er wirtschaftlich und funktional weiterläuft – oder technisch erneuert werden, bevor die Abschreibung endet.

Diese Entkopplung ist der Grund, warum der Restwert von Mietereinbauten am Ende der Mietlaufzeit häufig unklar verwertet wird:
ungehobenes Kapital, das in keiner Steuerungslogik auftaucht.
Klassische Lebenszykluskostenmodelle (LCC/TCO) helfen hier nicht weiter, weil sie durchgängiges Eigentum und lange Betrachtungszeiträume voraussetzen – beides passt nicht zu mietvertraglich getakteten Rollout-Zyklen im Einzelhandel.

 

Was ein aktuelles Vorzeigeprojekt zeigt – und was es noch nicht zeigt

 

Der LOOP Markt Haimhausen (Landkreis Dachau), entwickelt von Ratisbona Handelsimmobilien für Edeka Südbayern, ist als erster konsequent nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip gebauter Supermarkt Deutschlands angekündigt: 1.185 m² Verkaufsfläche, zerstörungsfreier Rückbau durch Steckverbindungen statt Verklebung, über 250 auf Materialgesundheit geprüfte Produkte, dokumentiert über einen digitalen Circularity Passport.
Im August 2026 wurde Richtfest gefeiert, die Eröffnung ist für das vierte Quartal 2026 geplant (Ratisbona).

 

Bemerkenswert ist die Ausgangslage des Bauherrn:
Ratisbona hat mit standardisiertem Holzbau bereits über 50 Filialen realisiert – Serienreife, geringere Kosten als Massivbau, dokumentierte CO₂-Einsparung. Skalierung ist für dieses Unternehmen also grundsätzlich machbar.
Beim LOOP-Konzept mit digitalem Materialpass und nachgewiesener Kreislauffähigkeit ist Haimhausen dennoch der erste Standort.

Dass genau diese Frage gerade branchenweit ankommt, zeigt der Kalender:
Auf dem Internationalen Cradle to Cradle Congress am 17./18. September 2026 in Berlin diskutiert Ratisbona gemeinsam mit dm und der Rewe Group explizit, wie sich zirkuläres Bauen vom Nischenprototyp zum Industriestandard entwickeln kann
(c2c-congress.org, 2026).

Selbst der Bauherr mit dem derzeit sichtbarsten Referenzprojekt stellt sich also öffentlich genau der Frage, die dieser Artikel aufwirft.
Das bestätigt die These präziser, als es eine pauschale Kritik könnte:

Ein einzelnes Vorzeigeobjekt beweist, dass zirkuläres Bauen technisch funktioniert.
Ob und wie daraus ein portfolioweites Steuerungsinstrument wird, ist
– auch nach Einschätzung der Branche selbst – noch offen.

 

Was stattdessen nötig wäre

 

Zirkuläres Bauen im Ladenbau ist kein Gestaltungsthema und kein Nachhaltigkeitsprojekt – es ist eine Frage der Kapitalsteuerung.
Restwertrückführung überträgt die Logik bestehender Bewertungsmodelle auf die Realität von Filialportfolios:
Sie verzichtet bewusst auf die Komplexität objektbezogener Verfahren und macht den Restwert von Mietereinbauten stattdessen auf Portfolioebene steuerbar – als Kennzahl, die in Rollout-Entscheidungen einfließt, statt in der Anlagenbuchhaltung zu verschwinden.

 

Wie dieses Steuerungsmodell im Detail funktioniert, ist Thema des nächsten Beitrags dieser Serie.

 

Fazit

Wer wiederverwendet, macht in der Regel schon vieles richtig.
Das Problem liegt nicht bei den Projekten – es liegt darin, dass keine Organisation aus einzelnen Projekten ein System macht.

Governance-Split, Aggregationslücke und ein blinder Fleck in der Bilanz sorgen dafür, dass Wiederverwendung Zufall bleibt statt Standard zu werden.

Für Portfolios ab 20 Standorten ist das kein Nachhaltigkeitsdefizit. Es ist ungenutztes Steuerungspotenzial.

 

 

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